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„Kritische Rohstoffe“ – und ein zeitlicher Zusammenhang: Übersehen alle Putins Hauptziel in der Ukraine?

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Russlands Präsident Wladimir Putin sitzt an seinem Schreibtisch im Kreml.
Russlands Präsident Wladimir Putin sitzt an seinem Schreibtisch im Kreml. © MIKHAIL METZEL/AFP

Hat Russland den Ukraine-Krieg wegen „kritischen Rohstoffen“ im Nachbarland begonnen? Gleich mehrere Experten sehen Hinweise dafür. Die EU ist direkt betroffen.

Moskau — Vor knapp neun Monaten ordnete Wladimir Putin den Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine an. Die offiziellen Motive für die sogenannte „Spezialoperation“ verbreitete Russland schnell über die staatlichen Propaganda-Kanäle. Die Ukraine begehe Verbrechen an der pro-russischen Bevölkerung in den Regionen Donezk und Luhansk. Deshalb müsse die Region befreit, die Regierung abgesetzt und das Land entnazifiziert werden. Soweit die offizielle Kreml-Begründung für den Ukraine-Krieg. Der Westen sah in den Äußerungen nur einen Versuch Putins, imperialistische Expansionspolitik zu verschleiern.

Ukraine-News: „Kritische Rohstoffe“ als Putins wahres Interesse im Krieg?

Doch bei seinem Krieg in der Ukraine könnte es dem russischen Präsidenten in Wirklichkeit um etwas ganz anderes gehen: wertvolle Bodenschätze. Diese Vermutung hat die Politikwissenschaftlerin Olivia Lazard im Gespräch mit Zeit Online geäußert.

Die Ukraine sei eines der rohstoffreichsten Länder der Welt, erklärte Lazard. Kohle- und Gas-Vorkommen seien zwar allgemein bekannt. „Aber oft wird übersehen, dass die Ukraine auch über viele verschiedene Arten der sogenannten kritischen Rohstoffe verfügt: Lithium, Kobalt, Titan, Beryllium und eine Reihe von Seltenen Erden“, sagte die Politikwissenschaftlerin. Deren kombinierter Wert werde auf 6,7 Billionen Euro geschätzt.

Putin könnte es bei seiner Invasion also auf diese kritischen Rohstoffe abgesehen haben. Lazard untermauerte ihre Vermutung bei Zeit Online mit dem Verweis auf die zeitliche Abfolge von relevanten Ereignissen. Im Juli 2021 hatte die EU eine Partnerschaft mit der Ukraine über eben diese kritischen Rohstoffe geschlossen. Ein wichtiges Zeichen, denn eine vergleichbare Zusammenarbeit betreibt die EU nur noch mit Kanada. „Im Herbst folgte eine erste Auktion, um Unternehmen die Möglichkeit zur Erkundung der Vorkommen zu geben. Im Februar 2022 folgte der russische Angriff“, führte Lazard weiter aus. „Viele der besagten Reserven, etwa die größten Lithiumvorkommen, befinden sich übrigens in den jetzt annektierten Gebieten“, sagte die Expertin.

Putins Interessen im Krieg: Ukrainische Rohstoffe als „Rückgrat der Energiewende“ für die EU

Wie aus einem Bericht der EU zu der Partnerschaft hervorgeht, zählt die Ukraine zu den zehn Ländern weltweit mit den größten gesicherten Titan-Vorkommen. Bei dem gerade für Akkus wichtigen Metall Lithium verfügt die Ukraine etwa über ein Drittel der Vorkommen in ganz Europa. Bei Graphit zählt die Ukraine zu den fünf Ländern mit den größten Vorkommen.

Sollte es dem russischen Präsidenten gelingen, die Kontrolle über einen Großteil der kritischen Rohstoffe zu erlangen, könnte er damit die EU weiter unter Druck setzen. Die Rohstoffe seien das „Rückgrat der Energiewende“, erklärt Lazard. Sie werden vor allem in der Elektromobilität und bei der Produktion von Solarpanels und Windturbinen eingesetzt. Ein erklärtes Ziel der europäischen Energiepolitik ist das Ende der Abhängigkeit von fossilen Energiequellen – und damit auch von Russland.

Russlands Ziele im Ukraine-Krieg: EU-Abhängigkeit von fossilen Energiequellen vergrößern

Kontrolle über die kritischen Rohstoffe der Ukraine würde für Russland also eine gewisse Kontrolle über die Lieferketten der EU mit Blick auf die Energiewende bedeuten. Russland könnte somit die Abhängigkeit von russischen Öl- und Gas-Importen vergrößern und generell an Macht in Europa gewinnen.

Die Nato hat sich ebenfalls bereits mit diesem Szenario beschäftigt. In einem Bericht von Generalsekretär Jens Stoltenberg zum Thema „Climate Change & Security Assessment“ stellte das Verteidigungsbündnis fest: Bei der Energiewende „muss sichergestellt werden, dass keine weiteren Abhängigkeiten von unzuverlässigen Lieferanten, einschließlich Russland und China, entstehen.“ Mit der Verhinderung dieser Abhängigkeiten hat die Nato also einen weiteren Grund zu Unterstützung der Ukraine im Krieg gegen Russland.

Experte sieht Parallele zur Krim-Annexion: Geht es Putin in Wirklichkeit um Rohstoffe?

Bereits im Juli hatte Andrei Covatariu vom US-Thinktank Middle East Istitute (MEI) in einem Artikel auf einen möglichen Zusammenhang zwischen dem Vorkommen der kritischen Rohstoffe in der Ukraine und der russischen Invasion hingewiesen. Covatariu verwies in seiner Argumentation auf die völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014. Putin hatte diese immer wieder mit einer historischen Zugehörigkeit zu Russland begründet. Der Kreml erhielt durch die Annexion jedoch auch Zugang zu den natürlichen Gasreserven vor der Küste der Halbinsel im Schwarzen Meer.

Auch der MEI-Experte führte an, dass sich ein Großteil der kritischen Rohstoffe im Osten und Südosten des Landes befinde. Also jenen Gebieten, die Präsident Putin per Dekret für annektiert erklärt hat. Dass die „kritischen Rohstoffe“ ein Hauptgrund für Russlands Invasion sind, bleibt vorerst aber Spekulation. (fd)

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